Paruresis ist eine Sozialphobie, bei der Betroffene Ängste vor öffentlichen Toiletten haben und unter einer zeitweilige Form der Harnverhaltung ohne erkennbare Ursache leiden. Diese Phobie wird oft auch als “Syndrom der scheue Blase” bezeichnet. Personen, die unter Paruresis leiden, haben Probleme beim Wasserlassen in der Gegenwart von anderen Menschen. Im Kern ist Paruresis die Angst, in einer nicht oder nur teilweise privaten Situation nicht urinieren zu können.
Diese Störung kann die Lebensqualität in einer Vielzahl von Bereichen negativ beeinflussen. Paruretiker begegnen Schwierigkeiten am Arbeitsplatz ebenso wie auf längeren Flugreisen bis hin zu alltäglichen Situationen in Gesellschaft.
Paruresis als eigenständige Störung wurde in einer von Williams und Degenhardt publizierten Arbeit im Jahr 1954 erstmals wissenschaftlich untersucht.
Was sind die Ursachen von Paruresis?
Zu den Ursachen der Paruresis gibt es noch viele offene Fragen. Paruresis kann Kleinkinder im Kindergarten, Jugendliche und Heranwachsende oder erwachsene Personen betreffen. Während viele Paruretiker keinen bestimmten Auslöser nennen können, halten andere ein traumatisches Erlebnis während der Kindheit für den Anstoß. Als Beispiele werden Erniedrigungen durch die Eltern, Sticheleien durch Geschwister oder Klassenkameraden, Belästigungen auf öffentlichen WCs oder sexueller Missbrauch genannt. Obwohl viele Kinder Ereignisse wie etwa Sticheleien durch ihre Spielkameraden oder Mitschüler während der Benutzung von öffentlichen Toiletten erdulden müssen, entwickelt nicht jeder Betroffene Symptome der Paruresis. Jüngere Forschungen in der Neurologie zeigen, dass sowohl somatische als auch psychische Komponenten zu dem Syndrom beitragen.
Wie verbreitet ist Paruresis?
Bei Umfragen in den USA wurde eine Verbreitung zwischen einem und 25 Prozent der Bevölkerung ermittelt. Etwa sieben Prozent der Befragten hatten Angst, eine Toilette außerhalb der eigenen vier Wände aufzusuchen, jedoch bleibt dabei unklar, inwieweit diese Angaben auf Schwierigkeiten beim Urinieren in öffentlichen Situationen zurückzuführen waren. Die Bandbreite in den genannten Prozentzahlen ist abhängig von dem Ausmaß, in dem der Betroffene im Alltag durch die Paruresis eingeschränkt wurde.
Rund eine Millionen Betroffene werden in Deutschland, etwa 90.000 Paruretiker in Österreich vermutet. Über die weltweite Paruresis-Verbreitung gibt es keine fundierte Schätzung, man kann jedoch von Betroffenen in vielen Staaten ausgehen.
Welche Symptome sind mit Paruresis verbunden?
Die Auswirkungen von Paruresis lassen sich anhand eines Falles beschreiben: In Folge eines auslösenden unangenehmen Ereignisses erwartet der Betroffene Schwierigkeiten bei jedem Betreten einer Toilette. Versuche, den Vorgang mit Willenskraft zu steuern, scheitern. Damit verbundene Ängste vor der Wiederholung vermindern die Möglichkeiten des Betroffenen, in öffentlichen Gebäuden zu urinieren. Der Paruretiker ist gezwungen, sich an diese Einschränkungen anzupassen und weitestgehend zu Hause zu urinieren, weniger zu trinken, ständig nach menschenleeren öffentlichen WCs zu suchen und längere Treffen in Gesellschaft zu vermeiden.
Paruretiker entwickeln Vermeidungsstrategien, mit denen zwar die Angst zeitweise unterdrückt wird, die das grundlegende Verhaltensmuster aber verstärken. Dabei reichen die empfundenen Symptome von nicht als belastend empfundenen Schwierigkeiten, mit dem Urinieren in Gegenwart anderer Personen zu beginnen, bis hin zu Schweißausbrüchen, Herzrasen, Schwindel und Zittern.
Nachdem dieses Thema weitgehend tabu ist, halten sich viele Paruretiker für eine Einzelfall, schämen sich für ihre Störung und verbergen sie vor ihren besten Freunden, Partnern und sogar vor ihren Ärzten. Das Gefühl von Erniedrigung, Scham, Isolation und Depression kann lähmend wirken.
Wie wird Paruresis therapiert?
Ein Besuch beim Urologen ist der erste Schritt zu Behandlung von Paruresis. Der Urologe kann abklären, ob eine körperliche Ursache der Grund für die Harnverhaltung ist. Sind körperliche Ursachen ausgeschlossen, reichen die Möglichkeiten von einfachen Verhaltensänderungen über die Selbstkatheterisierung bis zur Behandlung der Angststörung mit kognitiver Verhaltenstherapie oder Konfrontationstherapie.
Es gibt keine veröffentlichten kontrollierten Studien über die Therapie von Paruresis. Die Konfrontationstherapie als eine Teilmethode der Verhaltenstherapie wurde aber in den vergangenen Jahrzehnten in mehreren Fallbeispielen erfolgreich angewandt. Andere Therapiemethoden wie Hypnose, medikamentöse Behandlung, Botox-Injektionen und chirurgische Eingriffe wurden mit gemischtem Erfolg eingesetzt.
Nach der Therapie
Sobald Betroffenen die weite Verbreitung der Paruresis akzeptieren und sich erste sich erste Therapieerfolge einstellen, schwindet die Belastung durch die Symptome. Auch ein fallweises Wiederkehren der Störung stellt für die mündigen Patienten keine Alarmzustand dar und ist mit den geeigneten Maßnahmen unter Kontrolle zu bringen. Kognitive Verhaltenstherapie ist in etwa 80 bis 90 Prozent der Fälle wirksam und macht Paruresis in Kombination mit Medikamenten beherrschbar.